Wie werde ich möglichst schnell erwachsen? Ein Anti-Guide:

Dinge, Erwachsen-Sein, kitsch

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Als ich mit 19 mit meiner besten Freundin in eine gemeinsame Wohnung gezogen bin, hatte ich eine Liste an Regeln wie mein „Erwachsenen-Leben“ aussehen soll. Die wichtigste Regel dabei war: Auf gar keinen Fall meine Wäsche bei den Eltern waschen zu lassen.

Das war quasi das Sinnbild für Nicht-Erwachsen-Sein für mich. Menschen, die ihre Wäsche nicht selber waschen, sind nie wirklich ausgezogen, haben also keine richtige Unabhängigkeit, sind also quasi Total-Versager im Spiel: „Wie werde ich schnellstmöglich erwachsen“.

Weil mein altes Zuhause nur eine halbe Stunde mit dem Zug entfernt war und viele sogar von dort zu meiner Uni pendelten, war zudem von vornherein klar, dass ich trotzdem nur zwei Mal im Jahr nach Hause fahren würde. So wie richtige Erwachsene. Weil die ihre Eltern nicht mehr mögen und super busy sind und telefonieren geht auch ganz schlecht sobald man einmal die Schlüssel seiner eigenen Wohnung in der Hand hat.

Ja ich weiß auch nicht, welche Geisteskrankheit mich damals befallen hat und wie ich auf die Idee kam, dass Erwachsen-Sein bedeutet seine Eltern zu vermeiden.

Ich habe jedenfalls massiv unter meinem eigenen Regime gelitten. Hatte ich vorher noch jeden Tag mit meiner Mutter am Mittagstisch teilweise stundenlang geredet, tat ich nun so, als bräuchte ich sie nur, wenn es darum ging den Bafög-Antrag auszufüllen.

So ging das eine ganze Weile bis ich irgendwann merkte, dass meine Mitbewohnerin ziemlich oft nach Hause fuhr, während ich allein in der WG „Erwachsene“ spielte. Ziemlich einsam mit Nudeln vor dem Fernseher saß und mich fragte, warum ich bloß so unglücklich sei.

Oder dann KommilitonInnen kennen lernte, die sogar noch Zuhause lebten. Hatten die das Spiel nicht verstanden?

Bis ich irgendwann verstand, dass es überhaupt gar kein Spiel gab und vor allem nichts zu gewinnen. Denn während ich einsam in meiner WG saß und mir Sternchen für tapferes „Erwachsen-Sein“ in mein Fleißheft klebte, lebten Andere einfach ihr Leben weiter, wie sie es kannten mit dem Unterschied, dass sie nun zur Uni gingen. Und waren einfach glücklich dabei.

Mein eifriges Vorhaben möglichst vorbildlich Erwachsen zu Sein interessierte ja letztendlich keinen und machte mich einfach nur größtmöglich unglücklich. In dem Gedanken es mir nicht zu einfach zu machen (warum auch immer!) hatte ich es mir extra schwer gemacht und das war wohl das Kindischste, was ich tun konnte.

Wenn ich heute daran zurück denke, hätte ich mir wohl viel Leid ersparen können und vor allem auch meinen Eltern, aber auch das war ein Teil meines Erwachsen-Werdens: Zu wissen, was tatsächlich gut für einen ist. Was meistens nicht das ist, was man sich vorher vorgestellt hat. Und man sich zwar manchmal herausfordern sollte, aber nur so lange es einem gut dabei geht. Und wenn alle mit 19 ihre Wäsche noch Zuhause waschen, das vielleicht auch okay ist.

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