Hat den niemand einen Plan?

Dinge

ZEIT Campus: Mal angenommen, ich will nicht mehr unmündig sein, sondern helfen, die Welt besser zu machen. Und jetzt? Wie verhalte ich mich jetzt erwachsen?

Neiman: Die Frage ist problematisch.

ZEIT Campus: Warum?

Neiman: Weil es um das Selbstdenken geht und darum, sich ein eigenes Urteil zu bilden – wieso wollen Sie da von mir hören, wie das Erwachsenwerden geht?*

(*aus: ZEIT Campus 2015/04)

Das hier soll kein Text darüber sein, wie irgendetwas geht. Kein „How to be…“. Keine „Things to do“. Das hier soll ein Text darüber sein, wie wichtig es ist selbst zu denken. Weg von Selbstoptimierung hin zur Selbsterkenntnis und die sieht nun mal für jeden anders aus. Und da fängt das Problem an.

Es gibt eine wunderbare Stelle bei Siddharta von Hermann Hesse, wo Siddharta, der sich auf den Weg gemacht hat Erleuchtung zu erlangen, jemanden trifft, der bereits erleuchtet ist. Viele Leute scharen sich um den Erleuchteten, weil sie glauben in dem sie ihm folgen, würden sie auch Erleuchtung erlangen. Und auch Siddharta will diesen Mann kennen lernen.

Doch dann im Gespräch mit ihm merkt Siddharta, dass der Erleuchtete ihm nichts neues zu sagen hat und ist enttäuscht darüber. Warum hilft ihm die Lehre des Erleuchteten nicht?

Und er stellt etwas fest, was ich seitdem nie vergessen habe:

Weisheit, welche ein Weiser mitzuteilen versucht, klingt immer wie Narrheit. Wissen kann man mitteilen, Weisheit aber nicht. Man kann sie finden, man kann sie leben, man kann von ihr getragen werden, man kann mit ihr Wunder tun, aber sagen und lehren kann man sie nicht.

Aber das lässt sich natürlich nicht so gut verkaufen. „Denke selbst“ ist nämlich auch schon alles. Mehr kommt da nicht. Wie soll man da einen Ratgeber draus basteln? Und deshalb wird dann von Selbstoptimierungssachen geredet wie Listen schreiben, Selbstbestätigungen vor dem Spiegel aufsagen, Tagebuch führen, Yoga, Therapien etc.. Dabei will ich gar nicht sagen, dass diese Dinge unnötig sind. Ich selbst bin großer Fan davon, weil sie für mich funktionieren. Aber grundsätzlich basieren diese Dinge darauf, dass man sich selbst nicht mag/sich komisch findet/ seine eigene Meinung für nicht wichtig genug hält und daher ratlos, was zu tun ist.

Es wird viel zu selten davon gesprochen, dass man selbst vielleicht auch mal nachdenken könnte. Dass man selbst einen Weg finden muss und diesen Weg kann einem auch niemand vorleben, weil man selbst eben nur einmal existiert in dieser Zeit, an diesem Ort und weil man selbst auch die einzige Person ist, für die es wichtig ist. Hier bin ich wieder an dem Punkt von vor zwei Monaten: „You are the only person alive who has sole custody of your life. Your particular life. Your entire life.” (Anna Quindlen/ Thema des Monats: Mutig leben)

Also wieso wird so selten davon geredet, dass man selbst denken soll? Sich selbst lieben. Ja. Davon wird oft geredet. Oder besser noch: Nur wenn man sich selbst liebt, kann man andere lieben.

Aber vielleicht stimmt das ja gar nicht. Vielleicht wird man auch so geliebt? Und vielleicht ist das auch gar nicht so wichtig?

In einem anderen Teil des Interviews sagt Susan Neiman noch etwas Interessantes:

Kants Spruch wird heute oft falsch gelesen, als eine Art neoliberales Mantra, das besagt: „Unmündigkeit ist selbst verschuldet, es ist also eure eigene Schuld, dass ihr nicht erwachsen und aufgeklärt seid.“ Der Witz ist aber, dass Kant gleich nach diesem Satz sinngemäß schreibt: „Der Staat hat ein Interesse daran, euch zu infantilisieren, der will keine Erwachsenen.“

Eine zweite Anekdote um das zu illustrieren: Vor ein paar Tagen habe ich mit einer jungen Grundschullehrerin gesprochen. Wir sprachen über die Kinder in ihrer Klasse und vor allem deren Eltern, die es nicht schaffen ihren Kindern das Schulmaterial zu besorgen. Die ihren Kindern eingepackte Kuchen aus dem Aldi mitgeben zum Geburtstag oder den Chickenburger vom Vortag als Mittagessen. Oder Eltern, die kein Konto haben um das Essensgeld für die Mittagspause zu überweisen. Was wird aus diesen Kindern?

Sie werden vermutlich wie ihre Eltern, später Hartz 4 beantragen und ihren Kindern sagen, dass Schule nervig und Zeitverschwendung ist. Das Lernen langweilig und man das, was man wirklich wissen muss, im Leben lernt. Wie der Fernseher angeht zum Beispiel.

Ja das ist jetzt sehr böse, aber es ist auch sehr wahr. Weil wir in einem System leben, dass darauf ausgelegt ist, dass manche studieren und andere versauern. Aber die Frage ist doch: Wovor hat man da Angst?

Dass alle Menschen klug und gebildet anfangen selbst zu denken? Dass dann nicht genug Platz ist? Dass dann niemand mehr Lust hat irgendwo an einer Kasse zu stehen?

Das ist zumindest mein erster Impuls gewesen: Aber wer macht dann die blöde Arbeit? Die, die keiner machen will? Wir brauchen nicht nur Ärzte, Rechtsanwälte und Manager! Es gibt nicht genug Platz!

Und das stimmt auch. In diesem System in dem wir leben, gibt es nicht genug Platz. Da können nicht alle super viel verdienen und niemand putzt das Klo.

Da brauchen wir ein Drei-Schulen-System, damit wir später auch alle Berufssparten bedient haben.

Deshalb ist der Staat auch daran interessiert, dass wir nicht erwachsen werden.

Denn wenn wir alle erwachsen wären, dann würden wir aufhören uns so viel um uns selbst zu kümmern, um unsere Generation, um unsere Selbstoptimierung/Selbstverwirklichung, dann würden wir anfangen uns auch um Andere zu kümmern. Dann würden wir anfangen selbst zu denken.

Dass man Dinge ändern muss zum Beispiel. Dass ein System nicht mehr funktioniert, dass es nicht zeitgemäß ist. Dass Berufe, Lebenswege, Beziehungen, die Art wie wir uns die Welt vorstellen sich verändern muss. Dass genug Platz da ist.

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