Rede zur Ungewissheit

Dinge, die ich mag
32-Lessons-That-Moomins-Can-Teach-You-About-Life

Winter im Mumintal von Tove Jansson

 

„Alles ist sehr ungewiss und gerade das finde ich beruhigend.“

Dieser Satz stammt aus Tove Janssons „Winter im Mumintal“. Die Mumins halten während der Winterzeit Winterschlaf. Sie machen das so aus Tradition. Denn Mumins sind sehr traditionsbewusst. Keiner von Ihnen, weiß also wie der Winter aussieht, bis eines Wintermorgens ein Mumin aufwacht. Er wacht auf und ist plötzlich ganz allein auf der Welt. Einer Welt die er nicht mehr erkennt. Die weiß überzogen ist mit Schnee und wo die Sonne nicht aufgeht. Alles ist weiß und grau. Und auch der Versuch seine Mutter aufzuwecken scheitert und so muss sich Mumin alleine in der neuen Welt zu recht finden.

Er boxt gegen den Schnee, ist wütend und schreit, doch alles hilft nichts. Er beschließt dem Schnupferich, der schon Richtung Süden aufgebrochen ist, zu folgen um seine Einsamkeit zu bekämpfen. Doch auf dem Weg dorhtin sieht er ein Licht und so trifft er auf Too-Ticky von der dieser Satz stammt, welcher sozusagen, dass Leitmotiv des Buches ist. „Alles ist sehr ungewiss und gerade das finde ich beruhigend.“ Das klingt erst einmal sehr schön. Aber beim zweiten Blick ist das nicht die Antwort, die man hören möchte, wenn man plötzlich irgendwo aufwacht und alles um einen herum ist anders.

Das Gefühl zu haben die Dinge sind nicht mehr so wie man sie mal kannte, ist wohl eins der schlimmsten Gefühle die man haben kann. Der eigenen Realität beraubt zu werden und mit einer komplett neuen konfrontiert zu sein. Auch Mumin kämpft gegen seine neue Realität und sagt an einer Stelle: Ich weiß gar nicht mehr was Traum und was Realität ist.

In der Psychologie nennt man das Gefühl, dass nichts mehr so ist wie es war das Trennen der Person von sich selbst oder von seiner Realität Dissoziative Störung.

Frank O’Hara beschreibt dies in seinem Gedicht Mayakovski aber viel schöner.

Now I am quietly waiting for

the catastrophe of my personality

to seem beautiful again,

and interesting, and modern.

The country is grey and

brown and white in trees,

snows and skies of laughter

always diminishing, less funny

not just darker, not just grey.

It may be the coldest day of

the year, what does he think of

that? I mean, what do I? And if I do,

perhaps I am myself again

Wie findet man sich also wieder zurecht, wenn man die Welt verloren hat, die man kennt? Wenn man sich dabei selbst auch ein bisschen verloren hat? Wenn alles ungewiss ist?

Mumin beginnt Fotos von seiner Familie an die Wand zu kleben und zieht alle Uhren im Haus wieder auf. Man könnte sagen er tut das, was jeder in so einer Ausnahmesituation tun würde: Die Erinnerung an die Menschen, die einen lieben vergegenwärtigen und die Wahrnehmung über die Zeit wieder finden.

Allzu lange muss er zum Glück nicht alleine sein, denn auch die kleine My wacht auf und findet ihren Weg zum Muminhaus. Für sie ist der Winter ein großes Abenteuer, welches erobert werden will. „So sieht das also aus.“ Ist ihr pragmatischer Kommentar kurz bevor sie zum ersten Mal den Hang mit ihrem Pappkarton runter rutscht.

Eine gute Freundin hat einmal zu mir gesagt, als ich ihr beschrieb, dass ich etwas noch nicht richtig verarbeitet hätte und erst einmal warten wolle, dass „sich ins Leben stürzen auch eine Form der Verarbeitung sein kann.“

Das wäre der Ansatz der kleinen My. Erstmal reinstürzen, dann schauen wo es weiter geht, aber Hauptsache erstmal weiter. Leider nur besteht die Welt bzw. zum Glück nicht nur aus kleinen Mys. Viele sind auch wie Mumin und wollen den Sommer lieber zurück haben und über die alte Zeit reden, die die man kennt. Die echte Welt. Die, die jetzt nicht mehr so ist.

„Alles ist sehr ungewiss und gerade das finde ich beruhigend.“ Das kann einen dann schon richtig wütend machen, wenn man das hört. Wie da jemand so allwissend-nichtswissend und völlig okay damit vor einem sitzt und behauptet, dass das Chaos beruhigend sei. Dass nicht zu wissen, was passieren wird, einen gut schlafen lässt. Man möchte der Person fast Arroganz vorwerfen. Natürlich ist es einfach, wenn man losgelöst ist von allen Dingen, so zu reden. Aber wenn man verzweifelt ist, weil alles plötzlich anders ist, dann ist so ein bisschen Gewissheit doch sehr tröstlich.

Das was Mumin in diesem Winter erlebt, stellt alles in Frage, was er vorher kannte. Das Badehaus, welches seine Familie im Sommer benutzt, ist im Winter das Zuhause von Too-Ticky. Wessen Badehaus ist es also?

Und komische, scheue Gestalten, die sich den ganzen Sommer nicht blicken lassen, kommen nun in der Dunkelheit des Winters zum Vorschein, haben ihre eigene Sprache und bleiben daher geheimnisvoll.

„Alles ist sehr ungewiss und gerade das finde ich beruhigend.“ ist vielleicht die einzige Gewissheit, die man dann noch haben kann.

Wie findet man sich also wieder zurecht, wenn man die Welt verloren hat, die man kennt? Wenn man sich dabei selbst auch ein bisschen verloren hat? Wenn alles ungewiss ist?

Ich werde das genauso wenig beantworten wie Too-Ticky als sie sich eines Tages die Mütze von rot auf blau umkrempelt und verkündet, dass es bald Frühling wird und Mumin daraufhin wütend fragt: „Warum hast du mir das nicht gesagt, als es Winter war? Das hätte mich getröstet. Damals sagte ich hier wachsen sonst Äpfel und du hast nur geantwortet, aber jetzt wächst hier Schnee. Hast du nicht begriffen, dass ich melancholisch war?

Woraufhin Too-Ticky mit den Schultern zuckt und sagt: Man muss alles selbst entdecken. Und ganz allein darüber hinweg klettern.

Advertisements