Gedanken zu Thomas Vinterberg: „The director must not be credited.“

Film
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Die Kommune // Thomas Vinterberg

Vor einigen Jahren, es war 2011, lebte ich in Wien und machte dort ein Erasmus-Semester und weil Erasmus eigentlich nur ein Synonym für sehr viel freie Zeit ist, machte ich gleichzeitig eine Regiehospitanz am Burgtheater. Das war eher zufällig passiert und großes Glück (wie mir von etlichen Theaterwissenschaftlern der Uni Wien, später erklärt wurde, die schon seit Jahren versuchten eine zu ergattern) aber so landete ich (über eine Bewerbung für das Theaterjahr an der Burg, wo ich abgelehnt wurde) bei Thomas Vinterberg, weil in meinem Lebenslauf stand, dass ich gut Englisch könne und er als Däne mit den Schauspielern auf Englisch kommunizieren würde. Manchmal ist es so einfach.

Die Produktion hieß „Die Kommune“ und wurde teils von Vinterberg geschrieben, teils zusammen mit den Schauspielern improvisiert. Es war eine wunderbare Probenzeit, weil Vinterberg ein wirklich wunderbarer Regisseur ist.

Letzte Woche konnte ich mir auf der Berlinale die Filmversion „Kollektivet / Die Kommune“ anschauen und auch Vinterberg selbst bei seinem Vortrag „The director must not be credited.“ wiedersehen. Hier sind ein paar Zitate aus dem Vortrag von Vinterberg und meine Gedanken dazu:

„We have to be on thin ice with the audience. Great art is about great risks.“

Ich finde das gut. Es klingt aufregend. Sich auf dünnem Eis bewegen, wie ein Wagnis, ein Abenteuer. Risiko spielen und auf eine Karte setzen. Das ist auf jeden Fall dramatisch und das gehört auf die Bühne, ob nun Bretter oder Leinwand. Ich erinnere mich an die Momente, wie Vinterberg damals bei den Improvisationen immer wieder sagte: Wir müssen das Gute und das Schlechte miteinander kollidieren lassen. Das Ganze muss sich immer wieder drehen. Und ich denke an meinen Impro-Comedy-Coach Josh der immer wieder sagt: We have to find the unusual thing and amp it up.

„Clarity is the most important thing.“

Auch so ein schöner Satz. Vinterberg hat ihn vor allem in Bezug auf das Regieführen bezogen. Dass es darum geht zu wissen, wer welche Aufgaben hat. Dass alle gerne ihre Ideen beisteuern dürfen und sollen, es aber wichtig sei, dass Klarheit darüber herrscht, dass er am Ende entscheidet. Er sagt das mit einer Bestimmtheit, die keinen Widerspruch zulässt. Er wisse, was er tue. Was nicht bedeutet, dass es nur um seinen Willen gehe. Wenn jemand eine bessere Idee habe, sagt er jedes Mal: „Show me“. Überzeug mich, dass es besser ist und wir machen es so. Ich bin beeindruckt davon und denke, dass ich genauso mal Regie führen will.

„I prefer film because it’s kept in a can. You know it’s there. It will never change. It’s forever. Theatre is not. It’s just like life. Everything goes away. I think it’s crazy and theatre is very honest about this fact. It’s on stage and then it’s gone. So I’m sitting at the premiere of my own play and people around me are crying and laughing and I’m like who the fuck cares it’s over in 10 minutes.“

Abgesehen davon, dass ich in dem Moment am liebsten laut gejubelt hätte, weil Vinterberg mit dieser Aussage mal eben meine ganze Existenzkrise auf den Punkt gebracht hat, hat es mich auch weiter gebracht darüber nachzudenken, was Theater für mich persönlich eigentlich bedeutet und warum ich es nach der ganzen Berlinale-Erfahrung umso mehr schätze. Dinge können nicht wiederholt werden im Theater, jedenfalls nie genau so. Sie werden immer ein bisschen anders sein. So wie man auch selbst immer ein bisschen anders ist.  Und das ist ja eigentlich wunderbar. Es ist verrückt, dass Dinge enden. Es wäre viel schöner, wenn etwas, was einmal Gut ist, für immer bleiben würde. Ich verstehe das Bedürfnis zu sagen: Warum lebe ich nicht immer noch in dieser Kommune in Dänemark?so sehr (Vinterberg hat tatsächlich seine Kindheit in einer verbracht). Und gleichzeitig bin ich so froh, dass es Zeit gibt, weil es bedeutet, dass sich Dinge ändern, vor allem schlechte Dinge. Es lässt sich vermutlich auch nicht ganz auflösen. Die Vergangenheit herbeizusehnen und gleichzeitig froh darüber zu sein, dass es weiter geht. Das ist ja auch nicht der schlimmste Zustand.

„Die Kommune“ kommt übrigens am 21.April in die deutschen Kinos und ich kann ihn sehr sehr empfehlen.

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